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Ehemalige

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Arbeit mit Roma-Kindern in Mazedonien PDF Drucken
Ehemalige - Im Ausland
Henrike2Es ist klein, es ist in sich gespalten und es ist noch sehr neu.

Es ist schön, es hat unglaublich liebe Bewohner und ist dreifach kulturell interessant.

Als ich mich entschloss, nach meinem Schulabschluss am NGO ein Freiwilliges Soziales Jahr in Mazedonien zu machen, hatte ich, um es ganz ehrlich zu sagen, keine Ahnung, in was für ein Land ich da fuhr. Ich wollte mit Roma arbeiten, etwas beitragen und lernen und der Rest würde sich schon finden.
In der Schule hatten wir Jugoslawien nie behandelt, Tito sagte mir rein gar nichts, Balkan und Baltikum konnte ich so gerade voneinander unterscheiden.
Nichtsdestotrotz, was man nicht weiß, das kann man nachlesen, und genau das tat ich.
Ich erfuhr, dass es im Land politische Spannungen zwischen Albanern und Mazedoniern gab, dass 1963 ein Erdbeben große Teile der Hauptstadt Skopje zerstört hatte, dass es 2001 Konflikte mit Albanien gegeben hatte und dass Shopskasalat die Quintessenz allen Seins ist.

39 Stunden Busfahrt und dann stand ich da

Schließlich ging es dann für mich los, ich fuhr mit dem Bus geschlagene 39 Stunden in Richtung Süden, kam am Busbahnhof an, stand ohne Adresse (die hatte ich vergessen aufzuschreiben) am Bahnhof und niemand kam, um mich abzuholen. Durch einen netten Roma, der mit mir aus Deutschland gekommen war, kam ich aber in das richtige Viertel: Shutka!

Fremde neue Welt: Shutka

Eine Welt, mit der ich erst mal noch nichts anfangen konnte, alles voller Farben, Menschen, die barfuß durch die doch sehr dreckigen Straßen liefen und mich freundlich auf Deutsch ansprachen. Eine wilde Jagd mit meinem Begleiter durch sämtliche Straßen und Gassen begann, bis wir nach Stunden, zwei orientalischen Hochzeiten und acht Fehladressen endlich meine Organisation fanden.
Dieser Teil Mazedoniens ist der für mich wichtigste. Meine Welt, das Viertel, in dem ich arbeite und jeden Tag verbringe, aber was ist so besonders daran?
Shutka ist die Abkürzung für den Ortsnamen Shuto Orizari, wo sich nach dem großen Erdbeben in Skopje nach und nach immer mehr Menschen der Ethnie Roma ansiedelten. Heute ist es die größte Romasiedlung der Welt mit inoffiziell ca. 54.000 Einwohnern. Ganz besonders ist auch, dass Shutka der einzige Ort auf der Welt ist, der von Roma selbst verwaltet wird beziehungsweise einen Roma-Bürgermeister hat.
Ich arbeite also in der Hauptstadt Mazedoniens und auch in der Hauptstadt der Roma.

Roma-Kinder leben in schlechten Verhältnissen

Meine Arbeit hier ist unglaublich vielschichtig. Ich arbeite in der Organisation Nadez (was übersetzt Hoffnung bedeutet) gemeinsam mit Soziologen, Pädagogen und Freiwilligen daran, 200 Roma - Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Diese Kinder leben meistens unter unglaublich schlechten Bedingungen, haben kaum Kleidung, die Nasen laufen zu jeder Tages- und Nacht- bzw. Jahreszeit, die Eltern schicken sie betteln. Strom und Wasser fehlen oft. Und da die Arbeitslosenrate vergleichbar ist mit der in Deutschland während der Weltwirtschaftskriese 1929, haben sie auch keine Möglichkeit aus dieser Situation herauszukommen.
Wir mussten für viele zunächst Pässe beantragen. In einigen Gebieten wurden die Kinder in den Schulen nicht angenommen, da sie nicht den hygienischen Standards entsprachen, sie mussten geimpft werden und nun gibt es regelmäßige Arztuntersuchungen, zumindest für unsere Projektkinder. Schulmaterial bekommen sie von uns gestellt sowie Busfahrtickets und eine Mahlzeit in der Schule. Auch Kleider bekommen die Familien, aber mit Geben alleine ist es sicher nicht getan. Die Klamotten werden oft verkauft, die Kinder werden dennoch zum Betteln geschickt, denn sonst reicht das Geld nicht für die Familie, oder die Eltern entscheiden, dass eine Heirat wichtiger ist als eine Grundschulausbildung.

Henrike1Was ich für die Kinder tun kann

Meine eigene Aufgabe ist es, in unserem Jugendcenter den Kindern Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung anzubieten, sie zu beschäftigen und kreativ sowie sportlich zu fördern. Hier gibt es keine Sportvereine, Musikschulen schon gar nicht, und Geld für Stifte und Papier können manche Eltern nicht aufbringen. Ich fand es am Anfang immer erstaunlich, wie besonders es für die Kinder war, wenn ich mit ihnen Goldpapiersterne oder Papierflieger gebastelt habe.

Ich arbeite aber auch in den Familien, verteile Hilfsgüter und Hygieneartikel, spreche mit ihnen und da ich so hell und blond bin, ist mein Gesicht recht bald bekannt geworden. Die älteren Damen sprechen mich mit Bonbontsche (kann man vielleicht mit Zuckerstückchen übersetzen), die Kinder mit Nastavnitschka (Lehrerin) an. Das ist ein merkwürdiges Gefühl. Ich lehre, ich korrigiere, meckere, erkläre, aber vor allem bin ich auch die, zu der die Kinder kommen, um in den Arm genommen zu werden, um mir Geheimnisse zu erzählen (die ich oft sprachlich nicht ganz verstehe, was aber auch nicht das Wesentliche ist) und ich muss zugeben, das tut gut.

Apropos Sprache

Ich habe ja auf dem NGO Russisch gelernt und mit der Grundlage bin ich sehr schnell ins Mazedonische eingestiegen. Ich spreche relativ fließend, auch wenn meine Grammatik nicht zum Prahlen ist. Die Kinder hier im Roma-Viertel sprechen alle recht gut auch Mazedonisch, auch wenn die Sprache, ihre eigene Sprache Romni (oder Romski jasik) ist. Davon spreche ich nur wenige Fetzen, würde bei meiner Tätigkeit auch wenig Sinn machen, da ich ja Nachhilfe gebe und in den Schulen Mazedonisch gesprochen wird, auch wenn vor einigen Monaten das freiwillige Fach Romski eingeführt wurde.

Kontakt mit vielen Menschen

Als Deutsche komme ich sehr leicht in Kontakt mit Organisationen und Menschen, die uns als NGO (Non-Governmental Organization) wichtig sind. Es ist inzwischen auch ein fester Bestandteil meiner Arbeit geworden, meine Organisation bekannt zu machen. Es macht mir großen Spaß, Studiengruppen durch mein Viertel zu führen, für Zeitschriften Artikel zu schreiben und Aktionen zu planen wie Malausstellungen der drei Ethnien Mazedoniens, den Mazedoniern, Albanern und Roma oder mich auf das Geld einer Computerausstattung für meine Kinder zu bewerben. Jedenfalls weiß ich immer, wofür ich eigentlich arbeite.

Macedonia-mapLeben auf dem Land wie im Garten Eden

Die Welt der Roma hier in Mazedonien ist dennoch nur ein Teil meines neuen Lebens.
Ich lebe ziemlich weit außerhalb Skopjes, in einer sehr ländlichen Gegend in den Bergen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, denn so bekommt man am meisten vom traditionellen Leben mit und ist viel in der Natur. Ich mag die Mazedonier sehr, sicher nicht alle, aber es stimmt, dass die Menschen in dieser Gegend einfach entscheidend offener sind als anderswo. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht angesprochen werde, man küsst sich auf die Wangen, umarmt sich, ist laut und temperamentvoll. Ich genieße es als Untermieterin einer entzückenden Familie zu traditionellen Festen eingeladen zu werden, wo es so sündig fantastische Speisen gibt wie Bakava (mit Nuss und Schokolade gefüllter Blätterteig), Shopskasalat und kultiges Burek.
Im Sommer gleicht das Land dem Garten Eden, überall hängen Trauben, Birnen, Kirschen und Granatäpfel von den Bäumen, Schildkröten kriechen über die heißen Steine der Straße und man kann hinter dem 300 Jahre alten Viertel Lubanzi in den Bergen alte Ruinen erkunden.

Der Blickwinkel ändert sich

Das klingt alles sehr romantisch und das ist es auch. Im Winter ist das allerdings nicht mehr der Fall und es kommt auch darauf an, in welchem Viertel man sich aufhält und was man sehen möchte. Als Deutscher neigt man doch oft dazu, zu vergessen, dass man einen Sonderstatus hat, was Wohlstand, Gesundheit und Rechte angeht.

Die Zukunft Mazedoniens

Die Former Yugoslavian Republic of Macedonia (FYROM) wird, sollte sie in naher Zukunft in die EU aufgenommen werden, lange brauchen, um sich zu einem selbstständigen und stabilen Land zu entwickeln und bis die Freiwilligen, die in diesem Land arbeiten, von Fremden nicht mehr zu hören bekommen, dass sie keine Ahnung haben, wo dieses Land liegt und wofür es steht.

PS.: Für meine Stelle werden immer Nachfolger gesucht, vielleicht hat ja im nächsten Abi-Jahrgang jemand Lust... oder auch nach Bosnien, Serbien oder ins Kosovo zu gehen?

Herzliche Grüße aus der jungen Republik Makedonija

Henrike Pauling (7/1.5.2011)

 

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